Weißer Schliff (September 2001)
Hindelang. Woodstock-Legenden und Jazz-Größen haben ihn in die Neue Welt geholt, den Gospelsong, aus einer schlichten religiösen Liedform der Neger populäre Musik geformt, die in weißen Adaptionen sogar Chartplätze erobert hat. Seine ansteckende Fröhlichkeit und die zu Herzen gehenden Botschaften packen auch die vielen Hörer in der Hindelanger Pfarrkirche beim "Great Day" mit dem Walser Gospelchor. "Singe, rufe und bete" - der Titelsong umreißt bildhaft den Gospel. Elegische Strenge und ehrfurchtsvolle Starre, die unsere traditionelle Kirchenmusik prägt, stellt das afroamerikanische Liedgut geradezu auf den Kopf. Voll Inbrunst wird hier das Gotteslob gesungen, Freude wie Klage lautstark herausgerufen, das Gebet in körperliche Ausdrucksformen gefasst. Europäer können so wohl kaum empfinden und erfreulicherweise behielten Fröhlichkeit und das zum Mitmachen einladende Singen und Feiern des Walser Gospelchores weitgehend natürliche Züge, wenngleich damit aber auch gedämpfte Ausstrahlung gegenüber dem authentischen Gospel
Hier singt das Herz
Da schimmerte "weißer" Schliff durch, die Überführung einer Volksmusik zur Kunstmusik, dominierte ein Tutti-Chor mit einer Solosängerin in herkömmlicher Manier, gegenüber dem im ursprünglichen Gospelsong häufig zu hörenden Ruf-Antwort-Muster zwischen Solist(en) und Chor. Schöne Ansätze dazu ließen die Walser durchaus vernehmen, wenngleich Tontechnik und Stimmvermögen einiger Solisten nicht immer das reine Gospel-Vergnügen aufkommen ließen. Herrlich ansteckend und "tiefschwarz" hingegen das große Engagement der Sängerinnen und Sänger, die seit 1995 den Gospelgesang pflegen, ihr frischer und kompakter Ensembleklang, die klare und saubere englische Sprachfassung, die emotionsgeladene Interpretation. Hier singt das Herz, inspiriert von einer Musik mit der einzigartigen schwarzen Triebkraft, beständig angetrieben und motiviert von Michael Hanel, der mit vollem Körpereinsatz alles aus seinen Sängerinnen und Sängern holt, in bester Gospel-Manier auch ans Klavier wechselt und Soloparts übernimmt.
Deutliche persönliche Note
Eine "schwarz eingefärbte" Vollblutmusikantin auch Tanja Diebold, die mit ihrer dunklen, vielfarbigen, angenehm weichen und herrlich facettenreichen Stimme besondere Akzente setzte. Die Sonthofer Sängerin stellte den Gospel auch in seiner zweiten Ausprägung, als Sologesang, überzeugend und mit einer deutlichen persönlichen Note vor. Seine Kurzweiligkeit und Vielfalt hatte der "Great Day" nicht zuletzt durch die gefühlvoll begleitende Band mit Stephan Merkes, Klavier, Johannes Hoffmann, Bass, und Tim Hecking, Schlagzeug, allesamt offensichtlich mit "Black Musik" vertraut, erhalten.